Adonia  - Schatten der Vergangenheit

Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Erinnerungen kamen immer schneller an die Oberfläche und die Angst wurde quälender. Sie konnte das nicht so einfach abschütteln. Ihre Rache war das Einzige, das diese Erinnerungen verstummen ließ. Vergebung? Niemals!

 

Die furchtbaren Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit bestimmen bis heute das Handeln von Gräfin Adonia. Sie nutzt ihre Macht und ihre magischen Fähigkeiten dazu, an denjenigen Rache zu üben, die sie für ihr Leid verantwortlich macht. Außer ihrer Zofe Danika vertraut sie niemandem. Mit ihrer Hilfe beginnt Adonia ihre quälenden Ängste hinter sich zu lassen und Hoffnung auf ein neues Leben in Frieden zu schöpfen. Doch dann zetteln ihre Untertanen einen Aufstand gegen Adonia an und drohen alles zu vernichten, was sie sich aufgebaut hat. Als sich auch Danika von ihr abwendet, bewahrheiten sich Adonias schlimmste Befürchtungen.

 

Adonia – Schatten der Vergangenheit ist ein Fantasy-Roman über den Kampf zweier ungleicher Frauen. Während Gräfin Adonia mit ihren inneren Dämonen kämpft, leidet Zofe Danika unter der Einsamkeit, die der Dienst für die Gräfin mit sich bringt. Sie muss sich zwischen ihrer Loyalität zur Gräfin und ihrer frisch erblühenden Liebe zu Jannick entscheiden.

Adonia - Schatten der Vergangenheit Was vorher geschah

Gräfin Adonia wird immer noch von ihren Erinnerungen gequält. Sie bestimmen ihr Handeln bis zum heutigen Tag. Doch wie kam es dazu? Warum hält sie unerbittlich an ihrer Rache fest, obwohl ihr die ganze Welt offen steht? Hier erfahrt ihr, was es mit der Wandlung zur Hexe und ihrem Schwur nach ewiger Rache auf sich hat und wie sie Gräfin zu Dörenberg wurde.

Das Ende einer Hexe

 

„Tue, was ich dir sage!“
Der feste Griff um Adonias Handgelenk schmerzte. Sie machte sich steif, stemmte sich in die entgegengesetzte Richtung. Die Alte zerrte nur stärker an ihrem Arm. Unerbittlich näherten sie sich der Truhe, die auf einer Kommode neben dem Kamin stand. 
„Lassen Sie mich los! Ich will nicht!“ Wieder warf sich Adonia mit Schwung in die andere Richtung. Sie hatte das Gefühl, ihr Arm würde gleich abreißen.
„Stell dich nicht so an!“
Es rauschte in Adonias Ohren, die Stimme der alten Frau drang kaum zu ihr durch. Sie wollte hier weg. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie keuchte vor Anstrengung, Schweiß rann ihr den Rücken hinunter. Ihr Instinkt schrie ihr zu, endlich zu verschwinden. Doch sie konnte sich nicht losmachen. Ihre Kräfte schwanden zusehends. Die Alte schien nicht einmal außer Atem zu sein. Adonia schwankte, und ihre Beine gaben unter ihr nach.
Überrascht von der plötzlich fehlenden Gegenwehr, wankte auch die Alte und ließ sie los. Sie versuchte noch, Adonia erneut zu packen, doch Adonia mobilisierte mit der Macht der Verzweiflung ihre letzten Kräfte und warf sich mit ihrem ganzen Körper gegen die Beine der Alten. Diese fiel mit einem überraschten Aufschrei hintenüber. Mit Wucht schlug sie mit dem Hinterkopf auf den Kaminsims. Das knirschende Geräusch, das Adonia bei dem Aufprall hörte, ging ihr durch und durch. Es klang endgültig.
Die Alte stürzte in das prasselnde Kaminfeuer und blieb darin liegen. Rasch züngelten die ersten Flammen an dem Kleid der Frau und setzten es in Brand. Auf Knien krabbelte Adonia vom Kamin weg und rappelte sich hoch. Sie wollte nur fort, doch sie konnte den Blick von der Alten im Feuer nicht abwenden. Die Flammen fraßen sich in ihr Gesicht und verzehrten ihre Hände, Adonia konnte bereits Knochen sehen. Es stank nicht nur nach verbrennendem Fleisch. Eine bittere Note schwang mit, und ihr wurde übel. Erstarrt stand sie vor dem Kamin. Ihr Verstand flehte sie an, endlich zu verschwinden, doch ihr Körper regte sich nicht. Nun brannten auch die Knochen, und nach kurzer Zeit zerfielen die Reste zu Asche. Adonia rang mühsam nach Luft, versuchte, die Angst zurückzudrängen und ihre erstarrten Glieder in Bewegung zu setzen. Was ging hier nur vor sich? Kein Mensch verbrannte so schnell. Aus dem Aschehaufen züngelten noch einige spärliche Flammen, und langsam erloschen sie. 
Der Raum um sie herum verschwand, die Farben verwischten, und als sie wieder klar sehen konnte, hatte sich das Aussehen des Raums verändert. Adonia sah sich angespannt um. Was erwartete sie nun als Nächstes? Die Truhe befand immer noch auf der Kommode neben dem Kamin. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes stand keine Blumenvase mehr, auf ihm lag nun eine großes in Leder gebundenes Buch. Regale säumten die Wände und in ihnen drängten sich Gläser, gefüllt mit Insekten, getrockneten Würmern, Spinnen und Fröschen. Flaschen gefüllt mit trüber Flüssigkeit standen neben irdenen Töpfen. Kräuterbündel hingen von den Dachbalken herab, daneben getrocknete Pilze an einer Schnur aufgereiht. 

Die Verwandlung

 

Adonia hörte nur ihren hektischen Atem. Mit Mühe kämpfte sie gegen die Angststarre an, die sie wieder überfallen wollte. Ihr war immer noch übel, von dem Gestank, der den Raum erfüllte. Dies war kein gewöhnliches Haus. Dies musste das Heim einer Hexe sein. Einer echten Hexe! Es gab sie also doch. Sie waren nicht nur Hirngespinste einiger einfältiger Bauern. Adonia atmete tief durch, versuchte, den beißenden Geruch zu ignorieren. Die Hexe war tot, sie konnte ihr nichts mehr tun. Sie musste jetzt nur von hier verschwinden. 
Endlich konnte sie sich regen, doch als sie einen Schritt in Richtung Tür machte, erhob sich eine Wolke aus der Asche, als ob ein Windstoß sie aufgewirbelt hatte. Sie legte sich nicht wieder, sondern waberte einen Augenblick im Kamin und schwebte dann zögerlich in Adonias Richtung. In dem einfallenden Sonnenlicht schimmerten die Partikel grün. Adonia machte einen weiteren Schritt zur Tür. Ihr standen die Haare zu Berge. Erst verbrannte die Hexe in wenigen Augenblicken und nun diese unheimliche Wolke aus Staub. Die Staubwolke folgte ihr langsam. Wieder machte Adonia einen Schritt und noch einen. Rücklings tastete sie nach dem Türgriff, als die Wolke ein knurrendes Geräusch erzeugte und sich auf sie stürzte. Sie hüllte sie ein, die Partikel legten sich auf ihre Haut und drangen in ihren Rachen, in ihre Nase und tief in ihre Lunge ein. Adonia fuhr sich über die Arme, versuchte, den Staub abzustreifen, doch er sickerte in ihre Haut. Es brannte. Erst an der Oberfläche, dann setzte es sich immer tiefer fort. Adonia schrie, doch nur ein Krächzen drang aus ihrer Kehle. Sie fiel auf die Knie, dann sank sie ganz zu Boden. Sie bekam keine Luft mehr. Das Brennen war überall. Sie wälzte sich vor Schmerzen auf den Dielen, bis sie schließlich das Bewusstsein verlor.

Hunger nach mehr

 

Adonia tat einen tiefen Atemzug. Langsam öffnete sie die Augen und sah Kräuterbündel und Holzbalken. Mit einem Ruck setzte sie sich auf, als die Erinnerung mit Gewalt zurückkam. Sie strich sich mit den Händen über die Arme, doch sie sahen normal aus. Der Staub war verschwunden. Auch bekam sie wieder Luft und hatte keine Schmerzen mehr. Langsam kam sie auf die Füße. Unschlüssig sah sie sich um. Sie sollte nun wirklich gehen, bevor noch weitere merkwürdige Dinge passierten. Doch etwas hielt sie zurück.
Ihr Blick fiel auf die Truhe. Diese geheimnisvolle Truhe. Warum hatte die Hexe gewollt, dass sie hineinschaute? Adonia schüttelte den Kopf. Sie sollte diesen unheimlichen Ort wirklich verlassen. Schon war sie an der Tür, hatte den Griff in der Hand, zog die Tür auf und atmete tief die frische Luft ein, die in den verrauchten Raum strömte, als sich ihr Magen meldete. Richtig, sie war mit der Alten mitgegangen, weil sie Hunger hatte. Zögernd ließ sie die Türklinke los und drehte sich wieder um. Auch Hexen mussten essen. Es würde schon nicht schaden, zu schauen, ob sie nicht etwas Essbares finden würde.
Sie ging in einem Bogen an der Kommode neben dem Kamin vorbei und warf der Truhe einen misstrauischen Blick zu. Ihr würde sie sich auf gar keinen Fall nähern.
An der Seite des Kamins war ein kleiner Backofen angebaut. Sie legte vorsichtig die Hand drauf, er war warm. Hinter der unteren Klappe fand sie nur Asche, hinter der oberen jedoch verbarg sich ein frisch gebackenes Fladenbrot. Sein Duft vertrieb den Gestank endgültig. Sie holte es heraus und legte es auf dem Kamin ab, bevor sie sich die Finger verbrannte. Sie schaute in den Schrank, der neben dem Feuerholz und dem Korb mit Reisig stand. Ein breites Grinsen trat in ihr Gesicht und sie merkte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Sie hatte noch nie so viele Köstlichkeiten auf einmal gesehen, geschweige denn probiert. Was sollte sie nur zuerst essen? Sie entschied sich für ein Stück Käse. Sie brach sich von dem immer noch dampfenden Brot etwas ab und schlenderte die Regale entlang, während sie dies hungrig in sich hineinstopfte. Die Insekten sahen irgendwie gar nicht mehr so schaurig aus, genauso wenig wie die eingefallenen Schafsaugen, die sie in einem der tönernen Töpfe fand. Adonia hatte fast das Gefühl, als wüsste sie, wofür man all dies brauchte, konnte es aber nicht fassen. Ein kurzer Blick hinter die Tür neben dem Vorratsschrank zeigte ihr ein Bett und in dem Schrank, der im Schlafzimmer stand, fand sie eine beachtliche Anzahl an Kleidungsstücken. Die Hexe hatte kein schlechtes Leben geführt.
Schließlich hatte sie so viel gegessen, dass ihr Bauch spannte. Aber noch immer verspürte sie Hunger. Wieder glitt ihr Blick zu der Truhe. Hatte der Hunger mit ihr zu tun? Irgendwie war es so. Sie spürte es tief in sich drin, nicht nur im Bauch. Was hatte das nur zu bedeuten?

Die geheimnisvolle Truhe

 

Vorsichtig näherte sie sich der Kommode. Sie streckte die Hand nach der Truhe aus, zog sie aber zurück, bevor ihre Finger das Holz berührten. Sollte sie einfach hineinschauen? Aber die Hexe hatte ihr bestimmt nichts Gutes tun wollen, daher sollte sie vorsichtig sein. Irgendwo in diesem Haus musste sich doch herausfinden lassen, was es mit dieser Truhe auf sich hatte. Sie sah sich ratlos um und ihr Blick fiel auf den Tisch und das dicke Buch, das darauf lag. Zögernd ging sie zum ihm, strich vorsichtig über die aufgeschlagene Seite. Dann zog sie den Stuhl zurück und setzte sich. Langsam fing sie an, im Buch zu blättern. Es war voller Rezepte. Die Schrift war schnörkelig, schwer zu entziffern, aber lesbar. Sie fand Rezepte für einen Liebestrank, einen Wahrheitstrank und einen Gefügigkeitstrank. Den musste die Hexe in den Tee gemischt haben. Sie schüttelte sich angeekelt. Die Schafsaugen gehörten in diesen Trank hinein. Fasziniert las sie die Beschreibung für die Wirkung des Wirklichkeitspulvers. Eine Kostprobe hatte sie ja gesehen. Die Hexenhütte hatte wie ein gemütliches Heim ausgesehen.
Sie stützte das Kinn in die Hand und träumte ein wenig. Das eigene Aussehen verändern, unerkannt bleiben. Heute wurde ihr schon gedroht, wenn man sie nur von Weitem sah. Sie konnte sich kaum bei Tageslicht in das Dorf wagen. Sie blätterte weiter. Ganz am Anfang stand die Geschichte von Aaron Darende, dem ersten Zauberer. Würde sie hier die Antwort finden, was es mit der Truhe auf sich hatte? Sie blätterte durch die Seiten. Es würde eine Weile dauern, bis sie diese gelesen hatte. Genug gegessen hatte sie, aber ihren Durst hatte sie noch nicht gestillt.
Entschlossen stand sie auf und holte den Sack, der nach Pfefferminze gerochen hatte, aus dem Schrank. Sie nahm eine Handvoll der getrockneten Blätter und füllte sie in den Kessel, der immer noch am Kaminrand lag. Wo sollte sie Wasser finden? Die Hexe lief bestimmt nicht stundenlang durch den Wald, um Wasser zu holen. Vielleicht hatte sie sich einen Brunnen gegraben? Sie nahm den Kessel, ging zur immer noch offenen Tür, und wieder hielt ein unbestimmtes sie Gefühl zurück. Als ob das Haus nicht wollte, dass sie ging, oder eher ... Ihr Blick wanderte wieder zur Truhe. „Ich komme wieder. Ich hole nur Wasser“, sagte sie laut in den Raum hinein, kam sich dabei sehr albern vor, doch der Drang, im Haus zu bleiben, ließ nach.

Es prasselte wieder ein behagliches Feuer im Kamin und der Tee war aufgesetzt. Das Wasser aus dem Brunnen hatte köstlich frisch, fast süß geschmeckt. Adonias schlimmster Durst war gestillt, nun konnte sie sich der Geschichte von Aaron Darende, dem ersten Zauberer, widmen. Adonia setzte sich zurecht, blätterte zur ersten Seite zurück und strich andächtig über das vergilbte Pergament. 

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 1)

 

Nun will ich euch meine Geschichte erzählen, auf dass sie euch die Augen öffnet und euch eine Lehre zugleich ist. Wenn ihr dies lest, dann seid ihr so wie ich auserwählt, habt euch mit dem lebenden Staub vereint und genießt die Kraft, die er euch schenkt. Ich war der Erste, der ihn gefunden und seine wahre Macht erkannt hat. Doch ich will am Anfang beginnen.
Mein Name ist Aaron Darende. Ich diente Baram Aldana als Schafhirt, wie mein Vater seinem Vater gedient hatte. Es war ein einfaches, wenn auch hartes Leben, doch ich war zufrieden. Ich war noch jung, hatte mir kein Weib gesucht und eine Familie gegründet. Ich war noch voller Träume. Ich stellte mir vor, wie es wäre, nach Skala ans Meer zu ziehen. Wenn die alten Hirten am Lagerfeuer Geschichten spannen, erzählten sie auch vom Meer. Diese Abenteuer hörte ich besonders gerne. Wie spannend musste es sein, mit einem dieser Schiffe hinauszusegeln und die großen Fische zu jagen. Die Geschichten lenkten mich von dem immer gleichen Tagesablauf ab. Früh melkten wir die Ziegen, dann brachten wir sie auf die Weide hinter den Feldern, am Rand der Wüste. Abends trieben wir sie wieder zurück in den Stall.
Eines Tages mussten wir nach einer Ziege suchen, die sich von der Herde zurückgezogen hatte, um ihr Lamm zur Welt zur bringen. Wir hatten uns aufgeteilt, und ich ging weiter in Richtung Wüste. Immer wieder rief ich nach ihr und versuchte, sie aus ihrem Versteck zu locken. Das Gras wurde trockener, die Büsche kleiner und seltener. Langsam bedeckte Sand die Grasbüschel. Ich wollte schon aufgeben zur Weide zurückkehren, als ich ein Leuchten bemerkte.
Ich musste noch ein Stück weitergehen und sah über eine weite Fläche schwarze Steine verstreut. Die Dämmerung setzte langsam ein, und so fiel mir das unnatürliche Licht auf. Einige der Gesteinsbrocken leuchteten für kurze Zeit auf, und dann erlosch ihr Strahlen wieder. Ich fand das merkwürdig. Was waren das für Steine?
Ich erinnerte mich, dass vor einigen Tagen ein Feuerball am Himmel zu sehen gewesen war und es einen lauten Knall gegeben hatte. Dann war ein heißer Wind über die Weiden und Felder gefegt. Niemand hatte nachgesehen, was da vom Himmel gefallen war. Die Menschen in dieser Gegend waren recht abergläubisch. Sie wollten ihre Seelen nicht in Gefahr bringen, wenn sie sich einem möglichen Übel näherten, das in einem Feuerball vom Himmel gestürzt war. Aber dennoch war es seit Tagen das Gesprächsthema. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Auch mich kostete es allen Mut, nicht gleich die Flucht bei diesem unnatürlichen Leuchten zu ergreifen.

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 2)

 

Ich wagte mich ein Stück näher heran, um besser sehen zu können. Ein großer Teil der Steine lag auf dem blanken dunklen Fels. Der Wind musste den Sand weggeblasen haben. Er hatte so eine weite flache Mulde gebildet, an deren Rand sich der Sand aufhäufte.
Eine der Echsen, die in der Wüste lebten, näherte sich den Steinen. Vermutlich zog die wohlige Wärme sie an, die diese Stelle immer noch ausstrahlte. Nächte in der Wüste sind kalt. Sie blieb vor einem der Gesteinsbrocken wie angewurzelt stehen. Der Stein leuchtete auf und im gleichen Moment fing das Tier zu zucken an und löste sich auf. Es verschwand einfach. Als das Strahlen nachließ, war auch die Echse verschwunden.
Ich stand wie erstarrt da und wagte nicht, mich zu rühren. Was waren das nur für Dinger? Wohnte in ihnen ein böser Geist? Ich fühlte ein Sehnen. Es weckte in mir den Wunsch, mich den Steinen zu nähern. Lockte es auch die Tiere an? Nun wand sich eine Schlange auf den felsigen Untergrund und wurde von einem der Gesteinsbrocken eingefangen. So sah es aus. Die Steine lockten die Lebewesen der Wüste an und fingen sie ein. Sie wollten auch mich in Versuchung führen. Nur mit größter Willenskraft drehte ich mich um. Ich wollte schnell von diesem Ort verschwinden.
Ein paar Meter weiter hörte ich ein Lämmchen meckern und fand die Ziege hinter einem der Büsche. Ich schulterte das Lamm und machte mich auf den Weg zurück zur Herde.
Lange konnte ich in dieser Nacht nicht schlafen. Immer wieder ging mir die Frage durch den Kopf, was mit der Echse und der Schlange geschehen war. Wohin waren sie verschwunden? Was hatten die Steine mit ihnen gemacht? Was hätten sie mir angetan, wenn ich ihnen zu nahe gekommen wäre? Die Tiere hatten sich gewunden, als ob sie Schmerzen litten, dennoch waren sie nicht geflohen, als ob die Steine sie festgehalten hatten.

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 3)

 

Die Gedanken der letzten Nacht ließen mich auch am nächsten Tag nicht los. Die Neugier war größer als meine Furcht. Als die Herde auf die Weide getrieben war und wir es uns am Feuer gemütlich gemacht hatten, gab ich vor, nach den neuen Lämmern vom letzten Tag sehen zu wollen. Den anderen war es recht, hatten sie gerade frischen Tee in den Bechern. Die Morgen waren nach den kalten Nächten noch frisch, und sie genossen es, sich noch eine Weile am Feuer wärmen zu können. Sie diskutierten das helle Leuchten am Himmel, und ich verkniff mir jedes Wort, ihnen zu bestätigen, dass da etwas Unheimliches zur Erde gefallen war, etwas, das andere Lebewesen tötete. Am Feuer Geschichten zu spinnen, was es gewesen sein könnte, war viel einfacher und viel gemütlicher. Aber ich wollte es genau wissen. So stellte ich meinen Becher mit dem noch dampfenden Tee ab und ging über die Weide. Ich hielt Ausschau nach den Lämmchen, und als alles in Ordnung zu sein schien, lief ich zurück zu der Stelle, wo ich die seltsamen Steine gefunden hatte. Bei Sonnenlicht konnte ich sehen, dass sie mit kleinen grünen Flecken bedeckt waren, als ob Flechten auf ihnen wachsen würden. Ich fand es merkwürdig, dass diese den Sturz von Himmel und die Hitze, die beim Aufprall entstanden war, überstanden hatten.
Wieder spürte ich den Sog, als ob sie mich locken wollten. Doch ich widerstand, wusste ich doch, was mir geschehen würde. Ich wartete eine Weile, die Sonne kroch höher. Wenn ich nicht bald zurückkehrte, würden mich die anderen vermissen. Doch meine Geduld wurde belohnt. Eine kleine Echse näherte sich, sie lief an einem Stein vorüber, der fast komplett mit Sand bedeckt war. Sie stockte kurz, wurde aber nicht von ihm eingefangen. Sie lief weiter auf den felsigen Untergrund und blieb vor einem der freiliegenden Steine stehen. Dieser leuchtete auf und die Echse fing an, zu zucken und sich zu winden, während sie sich langsam auflöste. Mir standen die Haare zu Berge. Diese Steine fraßen Lebewesen.
Mir kam ein Gedanke. Ich ging zurück, brach einen Stock von einem der Büsche und eilte erneut zur Mulde. Ich hoffte, dass die anderen noch in ihre Geschichten vertieft waren und mein langes Fernbleiben nicht bemerken würden. Wieder an der Stelle angekommen, nahm ich mein Kopftuch ab, befestigte es an dem Stock und legte es mit seiner Hilfe über einen der freiliegenden Steine. Nun wartete ich. Die Sonne begann in meinem Nacken zu brennen und Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Spätestens jetzt würden die anderen sich wundern, warum ich nicht zu ihnen in den Schatten der Bäume zurückkehrte. Doch das Schicksal war mir gewogen. Eine weitere Echse, angelockt von den Steinen, kam herbei. Sie lief unbehelligt an dem mit dem Kopftuch bedeckten Gesteinsbrocken vorbei. Ich hielt den Atem an, während meine Gedanken rasten. Die Kräfte der Steine konnten abgeschirmt werden.
Ich angelte mir mein Kopftuch zurück und eilte zur Feuerstelle unter den Bäumen. Die Hirten saßen noch beisammen und diskutierten nun über den Viehmarkt in drei Wochen, wo ein Teil der Lämmer verkauft werden sollte. Ich setzte mich zu ihnen, murmelte, dass alles in Ordnung sei und nippte an meinem nun kalten Tee. In Gedanken war ich noch in der Wüste bei den Steinen. Ich würde mir einen von ihnen holen, gleich am nächsten Morgen.

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 4)

 

Ich lag die halbe Nacht wach und überlegte, wie ich es anstellen konnte, mir einen dieser Steine zu holen. Ich musste ihn verstecken, damit die anderen ihn nicht bemerkten und ihn mir gar wegnahmen. Ich musste ihn fest in Stoff einwickeln und ihn unter meiner Kleidung verbergen, bis wir abends zum Hof zurückkehrten. Dort konnte ich ihn in meine Truhe legen, in der ich meine Habseligkeiten aufbewahrte.
Am nächsten Tag packte ich mein zweites Kopftuch ein, und nachdem ich wieder nach den Lämmern geschaut hatte, ging ich zu der Stelle mit den Steinen. Ich bedeckte einen, der am Rand der Mulde im Sand lag und wickelte ihn fest in den Stoff. Ich steckte ihn in den Beutel, der an meinem Gürtel hing, in dem ich den Proviant für den Tag aufbewahrte. Immer wieder tastete ich danach, spürte leicht das Sehnen und war froh, dass mich mehrere Lagen Stoff von ihm trennten. Was würde ich nun mit ihm tun? Er musste doch einen Nutzen haben. 
Am Abend, als alle schon schliefen, öffnete ich meine Truhe, um ein letztes Mal nach dem Stein zu sehen. Ich hatte ihn bei meiner Rückkehr auf den Gutshof hineingelegt, immer wieder nach ihm geschaut und kurz den Stoff gelüftet. Sofort spürte ich den mächtigen Sog, und der Stein begann zu leuchten. Aber ich konnte jedes Mal den Stoff rechtzeitig fallen lassen, um diesem schrecklichen Schicksal zu entkommen, das all die Tiere ereilt hatte. Aber so kam ich nicht weiter. Es musste doch eine Möglichkeit geben, herauszufinden, was es mit dem Stein auf sich hatte, ohne zu sterben.
Als ich den Stoff wieder ein Stück zur Seite zog, berührte ich dabei seine Oberfläche. Etwas von der grünen Flechte blieb an meinem Finger haften und brannte fürchterlich. Ich ließ den Deckel fallen, und der Knall ließ den Hirten, der neben mir schlief, kurz aus dem Schlaf schrecken. Nur mit Mühe unterdrückte ich die Schmerzenslaute, die sich auf meine Lippen drängten, als sich das Brennen von meinem Finger aus über meinen ganzen Körper ausbreitete. Wenn ich dem Schmerz nachgab, würde ich den ganzen Bauernhof wecken, und ich wusste, was sie mit denen machten, von denen sie glaubten, dass sie von bösen Geistern besessen seien. Das Brennen war weniger schrecklich.
Irgendwann sank ich in gnädige Bewusstlosigkeit. Als ich am nächsten Tag erwachte, ging es mir wieder gut. Die grüne Flechte war von meinem Finger verschwunden, die Schmerzen ebenfalls. Ich hatte Hunger. Was auch immer geschehen war, es schien keine Spuren hinterlassen zu haben. Doch traute ich mich nicht, meine Truhe zu öffnen und nach dem Stein zu schauen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 5)

 

Ich ging auf die Weide, tat meine Arbeit, doch egal wie viel ich aß und trank, ich hatte stets Hunger. Doch der Hunger saß nicht in meinem Bauch. Irgendwie fühlte es sich an, als ob mein ganzer Körper Hunger hatte. Meine Gedanken wanderten wieder zu dem Stein und wie er Lebewesen auflöste. Nun, ich hatte diese Fähigkeit nicht, denn die Hirten, die neben mir saßen, lösten sich nicht auf. Aber irgendwie hatte dieser Hunger mit dem Stein zu tun. Als ich dies dachte, kamen mir Bilder in den Sinn, wie ich Lebewesen zum Stein brachte, dieser sie auflöste, dann mich mit deren Lebensenergie fütterte und so den Hunger stillte, den ich fühlte. Mir dämmerte, dass die grüne Substanz immer noch in mir sein musste, dass sie mich durchzog, wie ein Wurzelgeflecht die Erde. Was würde geschehen, wenn ich ihm die Nahrung verweigerte? Würde es sterben? Der Hunger verschärfte sich für einen Moment. Mir wurde schlecht, und ich krümmte mich gequält zusammen. Gewissheit machte sich in mir breit. Es würde ohne Nahrung sterben, irgendwann. Doch weitere Bilder erschienen in meinen Gedanken. Warum sollte ich es sterben lassen? Ich hätte einen Nutzen davon, es zu füttern. Es erzeugte in mir Bilder, wie ich für immer jung bleiben würde, wie ich die Wirklichkeit ändern, andere Lebewesen manipulieren könnte. Die Bilder in meinem Kopf zeigten mich als Herrscher, als reichen Mann, als Mann, den die Frauen begehrten. Ich konnte alles sein, was ich mir erträumte, wenn ich nur die Substanz, das Wesen in mir, mit der Lebensenergie anderer Lebewesen fütterte. Mein Herz schlug heftig in meiner Brust. Ich konnte diesem eintönigem Leben entkommen, das nichts als Abhängigkeit für mich bereithielt. Ich konnte frei sein, die Welt bereisen, aufs Meer segeln. Ein paar Echsen oder Mäuse würde ich als Futter schon finden.
Am Abend, als alle schliefen, nahm ich den Stein mit in den Stall. Ich trug ihn in Stoff gewickelt an die Brust gedrückt. Ich fühlte wieder das Sehnen, doch nach kurzer Zeit verschwand es, als ob der Stein die Substanz in mir erkannt hatte. Ich wusste, ich konnte ihn nun auswickeln und berühren, ohne dass er mir etwas tun würde.
Wenn ihr euch also eurem Stein nähert, gebt ihm etwas Zeit, euch zu erkennen. Er spürt euch auch durch eine Abschirmung hindurch. Sprecht einen Spruch in Gedanken oder auch laut, aber verweilt einige Augenblicke, bevor ihr ihn freilegt, damit er euch nicht verletzt.

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 6)

 

Ich trug den Stein in den Stall und legte ihn an eine Stelle, wo sich immer Mäuse tummelten. Es dauerte nicht lange, bis er Nahrung fand. Neugierig näherte ich mich ihm, und als ich ganz dicht bei ihm war, leuchtete er wieder auf und gab die eben gewonnene Energie an mich ab. Doch sie stillte den Hunger nicht, verringerte ihn nur geringfügig, und mir wurde klar, dass ich mehr brauchte als nur ein paar Mäuse. Je kleiner und einfacher das Lebewesen, desto geringer die Energie, die gewonnen werden konnte. Mit mir als Wirt war der Bedarf an Energie gewachsen, ein paar Kleintiere reichten nicht. Ich brauchte mehr. Das würde ein Problem werden. Wo sollte ich größere Lebewesen als Opfer finden?
Eine Ziege hatte das Gatter geöffnet und näherte sich, ohne dass ich es merkte, zu sehr war ich in meinen Gedanken versunken. Erst als sie neben mir stand und neugierig die Nase zum Stein senkte, bemerkte ich sie, doch es war zu spät. Er hatte sie eingefangen und löste sie auf. Erschrocken konnte ich dem nur zusehen. Was sollte ich tun? Man würde am Morgen das Fehlen der Ziege bemerken. Die Hirten waren dafür verantwortlich, dass sie sicher im Stall verschlossen waren. Man würde uns für ihr Verschwinden bestrafen.
Mein Herz pochte heftig, mein ganzer Brustkorb bebte. Ich wollte das nicht abwarten. Ich nahm den Stein, um ihn einzuwickeln. In dem Moment gab er mir die Lebensenergie der Ziege. Es war wie ein Erwachen, eine zweite Geburt. Meine Sinne schärften sich, mein Körper kribbelte bis in die Haarspitzen, ich war hellwach. Meine Gedanken rasten. Ich musste mich entscheiden, was ich tun wollte. Wenn ich blieb, würde alles beim Alten bleiben. Wenn ich ging, dann jetzt. Mein Blick wanderte zu dem Gatter, das die neugierige Ziege ein Stück aufgeschoben hatte. Die nächste streckte schon den Kopf heraus. Entschlossen nahm ich den Stein und legte ihn vor sie. Ich wollte ihn aufladen, soviel er vertrug, und dann würde ich meine Sachen packen und gehen. Nicht weit von hier, ein Stück weiter den Fluss hinunter in Richtung Meer ragten felsige Hügel bis an den Wüstenrand. Dort waren einige Höhlen, in denen ich rasten konnte, bis ich entschieden hatte, wie es weitergehen sollte. Ich wartete eine Weile, und als der Stein sechs Ziegen aufgelöst hatte, wickelte ich ihn ein. Er hätte noch weitere Energie speichern können. Doch ich ahnte, tief in mir, dass auch größere Tiere nicht genug sein würden. Ich befürchtete, dass das Opfer, dass ich für meine Unsterblichkeit und die versprochene Macht aufbringen musste, viel größer war.

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 7)

 

Noch in der Nacht verließ ich den Hof von Baram Aldana für immer und folgte dem Fluss bis zu den Felsen. Nun, da ich nicht mehr auf dem Hof weilte, wenn das Verschwinden der sieben Ziegen entdeckt werden würde, würde man mir die Schuld zuschieben. Vielleicht wurde so den anderen Hirten die Strafe erspart. Ich richtete mich in einer der Höhlen weiter weg vom Fluss ein, doch wusste ich, dass ich hier nicht lange bleiben konnte. Sie würden gewiss nach mir suchen. Ich wollte die Hitze des Tages hier verbringen, ein wenig schlafen und dann in der Nacht weiter nach Süden ziehen. Ich machte Feuer, um mir einen Tee zu kochen. Ich war nach der langen Wanderung durstig und die Wärme würde mir guttun, denn in der Höhle war es kalt.
Als die ersten Flammen am Reisig züngelten, schreckte ich davor zurück. Es war merkwürdig, denn sonst hatte ich keine Angst vor Feuer. Wieder erschienen Bilder in meinem Geist. Eine Warnung vor der alles verzehrenden Hitze des Feuers. Die Substanz, die sich mit mir vereint hatte, hatte meinen Körper verändert. Er würde so schnell verbrennen, wie die Flammen das Reisig verzehrten. Ich musste von nun an sehr vorsichtig mit Feuer sein. Ich wunderte mich, wie die Substanz den Sturz auf die Erde überlebt hatte, denn es geschah ja in einem Feuerball. Aber die Gefahr schien erst in der Verbindung mit mir zu entstehen. Und dazu erfuhr ich auch, dass der Stein, der Energieumwandler, sollte er voll mit Lebensenergie geladen sein, ebenfalls von Hitze bedroht war, dass diese ihn zerstören konnte. Er hatte den Sturz nur deshalb überstanden, weil er kaum Lebensenergie geladen hatte.
Es ist kompliziert und nicht einfach zu verstehen. Was ihr euch merken müsst: Haltet euch und den Stein von Flammen fern. Seid sehr vorsichtig, wenn ihr mit Feuer hantiert!
Ich wurde in der Abenddämmerung von Hundegebell geweckt. Auf ihrer Suche waren sie mir bis zu den Höhlen gefolgt. Ich verhielt mich still, hoffte, dass sie mich nicht finden würden. Das Gebell und die Stimmen kamen näher und ich griff nach meinem Messer, um mich zu verteidigen, wenn es sein musste.
Während ich darauf wartete, dass der erste Hund am Höhleneingang auftauchte, erinnerte ich mich an meine Träume. Sie waren voller wundersamer Dinge gewesen, die ich tun könnte, zu denen ich fähig sein sollte. Träume von Dingen, die Zauberei glichen. Vage Ideen von Tränken krochen durch meine Gedanken, Liebestränke, Tränke mit denen ich andere gefügig machen konnte oder sie dazu bringen würde, mir die Wahrheit zu sagen.
 Das Hundegebell und die Stimmen entfernten sich, sie gaben auf. Ich atmete auf. Ich zog weiter nach Süden nach Skala und sah das Meer. Ah, das Meer, meine Freunde. So unendlich und gleichzeitig so wild. Ich lebte in Skala für einige Monate, stahl, was ich zum Leben brauchte. Dort opferte ich auch den ersten Menschen für mein neues Leben. Es war ein Bettler. Seine Lebensenergie füllte den Stein in einem Maße, wie es ein Tier nie vermocht hatte. 

Ein Leben für ein Leben
Die Geschichte eines Zauberers (Teil 8)

 

Wenn ihr dieses Buch lest, habt ihr euch dazu entschieden, dass auch ihr dieses Opfer bringen wollt. Tiere erfüllen den Zweck leidlich, doch ihr werdet mit ihrer Energie nie die Ergebnisse erzielen, die ihr mit einem Menschenleben erreichen könnt. Es wird euch ein Stück eurer Seele kosten, aber euer Lohn wird unermesslich sein. Er ist den Preis wert. 
 Ich füllte den Stein, doch hatte kaum Möglichkeit, meine Fähigkeiten zu erforschen. Ich drehte mich im Kreis. Ich brauchte einen Ort und Ruhe, um herauszufinden, wie ich meine Fähigkeiten nutzen konnte. Mit den Bildern in meinen Gedanken konnte ich nur bedingt etwas anfangen, sie waren keine konkreten Anweisungen.
Ich fand eine einsame Hütte ein Stück weg von der Stadt zwischen den Hügeln. Ihre Besitzer hatten sie verlassen. Der Garten war zugewuchert, viele wilde Kräuter und Pflanzen hatten sich seiner bemächtigt. Dort ließ ich mich nieder und experimentierte. Mischte Kräuter, Beeren, Pilze, Teile von Tieren, die ich vorher trocknete. Bei jedem Experiment floss etwas von meiner Energie in die Tränke und Pulver und verband die Zutaten zu etwas Neuem.
Die Rezepte meiner Anstrengungen findet ihr in diesem Buch. Sie werden euch gute Dienste leisten. Sie werden euch nicht beim ersten Mal gelingen. Es braucht Zeit und Übung, um den Zutaten das richtige Maß an Energie zukommen zulassen, damit sie ihre Wirkung voll entfalten. Doch habt Geduld, ihr werdet es lernen.
Ich arbeitete emsig und erforschte mein Können. Ich stellte auch Heilsalben und Kräutermischungen zur Stärkung her, die ich mit großem Erfolg in Skala verkaufte. Ich hätte so weiterleben können, doch ich war einsam. Aus Angst vor Entdeckung blieb ich für mich. Die Menschen fürchten das Unbekannte und verfolgen es. Auch wenn ich mich mittlerweile dem Entziehen konnte, wollte ich es doch nicht leichtfertig heraufbeschwören. In meiner einsamen Hütte kam mir der Gedanke, dass es schön wäre, andere wie mich um mich zu haben. Nicht allein der Zauberei mächtig und unsterblich zu sein. Was könnten wir zusammen in dieser Welt erreichen? Wir könnten sie beherrschen, sie uns untertan machen.
Ich beschloss, mich zurück an den Ort zu begeben, an dem ich die Steine gefunden hatte, in der Hoffnung noch einige zu finden, die überlebt hatten. Bei diesen Gedanken füllten sich mein Geist erneut mit Bildern, wie ich die Wirklichkeit zu meinem Gefallen ändern konnte. Ich begriff, dass auch die Steine selbst von Nutzen wären, auch wenn das Lebewesen darin bereits gestorben war. Sie würden mir ermöglichen, unerkannt durchs Leben zu gehen, wann immer ich es wünschte. Sie würden mir Schutz geben, wann immer ich ihn brauchte. Sie waren der Schlüssel zu dem wichtigsten Zauber.
So erwarb ich einige Maulesel und ging zurück zu der Stelle in der Wüste, wo alles begann. Ich sammelte alle Steine ein, die ich fand. Ein knappes Dutzend war noch am Leben. Ich fütterte sie und machte ich mich auf die Suche nach euch, meine Gefährten. Dieses Buch ist mein Geschenk an euch. Nutzt das Wissen gut und weise.

Neues Leben

 

Adonia lehnte sich zurück. Ihr Herz klopfte heftig in ihrer Brust. Immer wieder strich sie sich über die Arme. Die grüne Substanz war also nun in ihr. Sie hatte das Feuer überlebt und sich ... Wie hatte es Aaron Darende genannt? ... einen neuen Wirt gesucht. Wieder war ihr erster Impuls, zu fliehen, die Hütte und die Truhe hinter sich zu lassen. Doch der Hunger wurde schlimmer und sie krümmte sich unter den Krämpfen zusammen. Wie lange würde das andauern? Der Zauberer hatte geschrieben, dass es irgendwann vorüber sein würde, dass die Substanz nach einer gewissen Zeit starb. Die Krämpfe verstärkten sich und sie konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
Lange konnte sie das nicht aushalten. Und überhaupt, warum sollte sie? Was war so schlimm daran, zaubern zu können? Die Schmerzen ließen nach. Sie sah zur Truhe, stand langsam auf und ging zur Kommode. Nach kurzem Zögern legte sie die Hand darauf. Würde der Stein darin sie erkennen? Woher sollte sie wissen, wann es ungefährlich war? Sie fühlte nichts, kein Sehnen, wie Aaron Darende es beschrieben hatte, keine Angst. Da war nichts. Sie holte tief Luft und klappte den Deckel hoch. Der Stein glomm schwach auf und wurde wieder dunkel. Hunger füllte ihren ganzen Körper aus. Sie rieb sich den schmerzenden Bauch. Der Stein musste vollkommen leer sein, die Kraft vollständig aufgebraucht. Kein Wunder, dass die Hexe so verzweifelt gewesen war. Adonia klappte den Deckel wieder zu. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe. Was sollte sie nun tun? Der Stein erwartete ein Menschenopfer. Damit konnte man ihn am besten aufladen. Aber die Vorstellung erschreckte Adonia. Sie hatte sich zwar oft vorgestellt, wie sie anderen Schmerzen zufügte, ihnen Gewalt antat, um ihnen ihre Ablehnung und Brutalität heimzuzahlen. Ja, in ihren Fantasien hatte sie auch schon jemanden getötet. Aber in echt? Das konnte sie nicht. In der Erzählung des Zauberers stand ebenfalls, dass Tiere diesen Zweck erfüllen konnten, wenn auch nicht so gut. Sie konnte zumindest versuchen, den Hunger zu stillen. Sie konnte kaum klar denken, weil er ihr ganzes Bewusstsein ausfüllte. Sie nickte entschlossen. Sie hatte in den letzten Jahren gelernt, Fallen zu stellen und immer wieder Kaninchen gefangen. Sie war auf dem Weg zu ihren Fallen gewesen und hatte halt an dem Busch voller Beeren gemacht, als sie der Hexe begegnet war. Sie legte die Hand auf die Truhe. „Keine Sorge, ich kümmere mich um dich.“ 

Das erste Opfer

 

Eine nach der anderen ging sie ihre Fallen ab. Alle waren leer. Langsam wuchs Verzweiflung in ihr. Sie brauchte ein Tier für den Stein. Ihre letzte Falle kam in Sicht. Ein Kaninchen kauerte zitternd auf dem Boden, einen Fuß in der Schlinge. Neben ihm hockte ein kleines Mädchen, streichelte es und fingerte dabei an der Schlinge.
„Halt, das ist meins!“ Adonia fing an zu laufen. Das Mädchen schreckte auf und lockerte dabei die Schlinge. Das Kaninchen befreite sich und hoppelte davon. „Warum hast du das gemacht? Das ist meine Falle!“ Adonia starrte wütend auf die Kleine. Sie erkannte sie. Sie war das jüngste Kind von dem Bauern, der die Schafherde hatte, dessen Weide an den Wald grenzte. Sie war deutlich jünger als sie. Ihr Kleid, das ihren dünnen Körper bedeckte, war nicht weniger zerschlissen als Adonias. Sonst hatte Adonia immer eine Art Verbundenheit zu ihr gefühlt, wenn sie ihr auf ihrer Suche nach Nahrung im Dorf begegnet war, doch jetzt war sie nur wütend. Wo sollte sie denn nun ein Opfer für ihren Stein finden?
Das Mädchen stand auf. „Es tut mir leid. Das Kaninchen hatte solche Angst.“ Sie verstummte und sah Adonia flehend an. „Du hast nicht was zu essen? Ich habe großen Hunger.“ Adonia wollte schon harsch reagieren, doch eine merkwürdige Ruhe machte sich in ihr breit.
Gegen ihren Willen sagte ihr Mund: „Das habe ich. Wenn du mit mir kommst, gebe ich dir etwas. Ich habe auch Zuckerstücke und süße Küchlein, wenn du magst.“ Die Augen der Kleinen fingen an zu leuchten und sie nahm die Hand, die Adonia ihr entgegenstreckte. Wie in Trance führte sie das Kind zu der Hütte. Ihr Verstand versuchte, zu verstehen, was gerade geschah. Ihr war bewusst, dass sie das Mädchen in die Truhe schauen lassen würde und mit Erstaunen und Entsetzen stellte sie fest, dass sie bei dem Gedanken nichts fühlte. Wieso machte es ihr jetzt nichts aus? Vor kurzer Zeit hatte sie der Gedanke an Menschenopfer entsetzt. Das musste die Substanz in ihr sein. Sie musste die Kontrolle übernommen haben.
Sie kämpfte dagegen an, wollte keine willenlose Marionette sein, doch ohne dass sie es verhindern konnte, schob sie das Mädchen zur Truhe und sagte ihr, dass die Süßigkeiten darin wären.
Die Kleine strahlte, leckte sich die Lippen in Vorfreude und klappte den Deckel hoch.
Adonia wich vor dem Licht zurück, das aus der Truhe drang und das Kind in seinem Bann hielt. Genau wie der Zauberer es beschrieben hatte, zuckte die Kleine, riss den Mund auf, schrie lautlos, warf den Kopf in den Nacken und verdrehte die Augen.
Adonias Willen kehrte zurück und mit ihm das Entsetzen. Sie wich zurück, bis sie die Wand hinter sich spürte und ließ sie daran heruntergleiten. Sie umschlang ihre Knie mit ihren Armen, kauerte sich zusammen. Wie gelähmt starrte sie zu dem Mädchen, das sich langsam unter Qualen auflöste. Schließlich klappte der Deckel zu, das Leuchten verschwand. Tränen liefen Adonia über die Wangen. Das hatte sie nicht gewollt.

Neue Lebensenergie

 

Lange hockte Adonia an der Wand und starrte auf die Truhe. Der Hunger in ihr quälte sie, wollte sie dazu bringen, endlich neue Energie zu schöpfen und ihre Reserven aufzufüllen. Es dämmerte schon, als Adonia sich rühren konnte. Langsam kam sie auf die Beine und näherte sich der Truhe. Es war nun einmal geschehen. Sie ahnte, dass es ihr wahrscheinlich unmöglich sein würde, dem Drängen der Substanz in ihr zu widerstehen. Sie konnte sich mit ihr arrangieren und einen eigenen Willen haben oder sie würde ihre willenlose Dienerin sein. Das wollte sie nicht.
Sie legte die Hand auf den Deckel und wartete. Der Zauber hatte empfohlen, dass man etwas sprechen sollte, um die Zeit des Erkennens zu überbrücken. „Ein Leben für ein Leben. Das Leid der anderen sei mein Segen.“ Das passte, so sollte sie es vielleicht sehen. Sie hatte lange genug Not gelitten. Jetzt war sie an der Reihe, ein angenehmes Leben zu führen. Ein Leben ohne Hunger, ohne herumgeschubst und geschlagen zu werden.
Sie hob den Deckel an, das Leuchten des Steines umfing sie, durchdrang sie. Sie fühlte die Wärme und ein Prickeln in jeder Pore ihres Körpers. Der Hunger verschwand. Vorsichtig klappte sie den Deckel zu und atmete durch. Sie fühlte sich lebendig, hellwach. Langsam ging sie zur Tür und öffnete sie. Sie hörte das Gezwitscher der Vögel, lauter, mannigfaltiger als je zu vor. Sie nahm ein Knacken im Untergestrüpp wahr, und als sie in die Richtung schaute, konnte sie den Hirsch im Grün versteckt sehen, wo sie ihn zuvor höchstens hatte erahnen konnte. Nun sah sie das Glänzen seiner Augen, wie er die Nüstern blähte und ihren Geruch aufnahm. Sie war sich sicher, wenn sie jetzt loslief, würde sie ihn einholen und mühelos einfangen können. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Vielleicht war es das Opfer wirklich wert. Aufmerksam durchsuchte sie erneut die Hütte. In der Kommode fand sie mehrere Kisten mit Münzen und Schmuck. Es war so viel, damit würde sie sich ihr Leben lang versorgen können. Sie richtete sich auf, als sie sich an den Bericht von Aaron Darende erinnerte. Er erwähnte Unsterblichkeit. Sie wog die Münzen in ihrer Hand und legte sie zurück. Nun, sie würden für eine lange Zeit reichen. Ihr Magen meldete sich, diesmal war es wirklich nur Hunger nach Nahrung.
Sie füllte den nun kalten Tee in einen Becher, nahm sich etwas von der getrockneten Wurst, brach sich ein Stück vom Brot ab und setzte sich an den Tisch. Während sie aß, dachte sie nach. Was sollte sie jetzt tun? Das Haus gehörte nun ihr. Mit ein wenig Übung würde sie es verstecken können, damit es niemand fand. Bis dahin gab es genug Mittel, sich vor Neugierigen zu schützen. Sie hätte ein Dach über dem Kopf, es im Winter warm und gemütlich und konnte sich von anderen fernhalten. Frieden haben. In Ruhe und ohne Angst schlafen.
Ihr Hals schnürte sich zu, als sie bei diesen Gedanken große Erleichterung empfand. Vielleicht konnte sie irgendwann wieder unter Menschen gehen, aber es musste nicht jetzt sein. Sie konnte einfach in Ruhe leben und die Zauberkunst erlernen. Und für das Opferproblem würde sie eine Lösung finden, mit der sie gut leben konnte.
Sie verspürte zum ersten Mal in ihrem Leben Zuversicht. Es würde sich nun alles zum Guten wenden. Endlich waren die Jahre der Qual vorbei.
Sie spülte den Becher aus und wischte die Krumen vom Tisch. Sie wusch sich mit dem klaren Wasser aus dem Brunnen und zog das erste Mal in ihrem Leben ein sauberes, heiles Nachthemd an. Das Bett war weich, die Decke schmiegte sich an sie. Mit einem Seufzer drehte sie sich auf die Seite und schlief nach wenigen Augenblicken ein.

Neues Leben

 

Am nächsten Morgen erwachte Adonia erfrischt und ausgeschlafen. Einmal war sie bei einem Knacken vorm Haus aufgeschreckt, aber gleich wieder eingeschlafen. Diese Nacht waren ihre Träume nicht von Menschen, die sie vertrieben oder schlugen durchzogen. Sie hatte auch nicht erneut den Tod ihrer Mutter durchlebt. Sie hatte von ihren neuen Fähigkeiten geträumt und sie brannte darauf, mit dem Unterricht zu beginnen.
Sie stieg aus dem Bett und suchte sich ein Kleid aus. Sie musste es mit einem Gürtel um die Taille raffen, denn es war zu groß, aber sie hatte bei der zweiten Durchsuchung auch Nadel und Faden gefunden. Die Hexe hatte einige Fähigkeiten gehabt. Nun, Adonia hatte viel Zeit zu lernen.
Aber für heute hatte sie andere Pläne. Der Sommer war schon weit fortgeschritten, bald würde der Herbst Einzug halten und mit ihm die Kälte. Sie wollte genug Holz für den Winter schlagen, ein Reh oder einen Hirsch fangen und sein Fleisch pökeln und trocknen. Neben dem Sack Mehl hatte sie auch einen Topf mit Salz gefunden. Die Hexe besaß nicht nur das Zauberbuch, sondern auch eine Reihe von anderen Büchern. Adonia hatte sie gestern neugierig durchgeblättert. Einige Reiseberichte und zwei Abenteuergeschichten waren darunter. Sie hatte auch ein Notizbuch mit Anleitungen gefunden, wie man verschiedene Tiere ausweidete und ihr Fleisch pökelte und Sauerteig für Brot ansetzte. Es befanden sich darin Kochrezepte und viele nützliche Anmerkungen zu Dingen, die sie von ihrer Mutter nie gelernt hatte.
Gestärkt marschierte sie in den Wald, fällte nicht weit von der Hütte einen Baum und zog ihn zu der kleinen Lichtung vor der Haustür. Es war, als ob sie einen Stock hinter sich herschleifte. Sie konnte es kaum fassen, wie leicht es ihr fiel. Bis zum frühen Nachmittag hatte sie den Baum in Scheite gehackt und unter das Dach an die Seitenwände zum Trocknen gestapelt. Das sollte für den Winter reichen.
In der Abenddämmerung lauschte sie nach Wild und musste nicht lange warten. Wieder bewegte sich der Hirsch durch das Unterholz. Adonia hatte sich eines der Messer genommen. Mehr brauchte sie nicht. Sie lief los. Mit ausgreifenden Schritten schloss sie rasch zum fliehenden Hirsch auf und stieß ihm das Messer zwischen die Rippen. Mit einem Blöken brach er zusammen. Sie schnitt ihm die Kehle durch und schleifte auch ihn zur Hütte. Im Schein einer Lampe nahm sie ihn nach Anleitung des Notizbuches aus und zerteilte ihn. Die Fleischbrocken bedeckte sie mit einer Mischung aus Salz und Kräutern. Sie würde sie in zwei Wochen an die Dachbalken der Hütte hängen, so hatte die Hexe es getan.
Müde und zufrieden ging sie nach getaner Arbeit ins Bett. So konnte es weitergehen. Sich um das Haus kümmern, lesen und lernen. Das fühlte sich gut an.

Harte Wirklichkeit

 

Adonia kaute den letzten Rest Brot. Er war schon trocken. Ratlos wischte sie die Krümel vom Tisch. Der Sauerteig, der auf dem Fensterbrett gestanden hatte, war verdorben gewesen. Sie hatte neuen nach der Beschreibung im Notizbuch angesetzt, aber es würde noch dauern, bis er verwendet werden konnte. Sie schüttelte den Kopf, kaum drei Tage waren vergangen und sie hatte sich schon an den Luxus von täglichem Brot gewöhnt. Nachdenklich schaute sie zum Spiegel und stellte sich dann davor. Ohne Dreck im Gesicht und in den sauberen Kleidern der Hexe sah sie ganz anders aus. Wahrscheinlich würde man sie im Dorf gar nicht erkennen. Sie schlang sich ihr Haar zu einem Knoten und setzte eine Haube auf. Sie beäugte sich kritisch und nickte dann. Sie sah definitiv nicht mehr wie die Bettlerin aus, sondern eher wie eine der Bäuerinnen. Sollte sie es wagen? Unschlüssig kaute sie auf ihrer Unterlippe. Zu dumm, dass sie den Wirklichkeitszauber nicht beherrschte. Sie hatte es versucht, aber nichts war passiert. Nur für einen Moment schien es, als ob ihre Gesichtszüge sich verzerrten, dann hatte ihr eigenes Spiegelbild sie wieder angestarrt. Es war nicht so, dass sie nichts zu essen hatte, aber Brot war so eine Seltenheit gewesen und es hatte so gut geschmeckt. Sie seufzte und streckte dann die Schultern durch. Es würde nichts passieren. Sie würde zum Bäcker gehen, ein Brot kaufen und wieder verschwinden. Niemand würde sie erkennen.

Adonia senkte den Kopf bei dem prüfenden Blick, den die Bäckersfrau ihr zuwarf, als sie die Münze aus dem Beutel klaubte. Ihre Finger zitterten. Noch hatte sie niemand erkannt, selbst der Krämer nicht, der ein Stück in der Reihe hinter ihr stand, doch der Blick, den die Frau ihr zuwarf, gefiel ihr nicht. Der Bäcker brachte ein paar dampfende Brotlaibe zum Regal hinter dem Tresen. Auch er sah Adonia an. Seine Stirn runzelte sich. Er kam um den Tresen herum. „Du bist doch das Bettelmädchen.“ Er packte ihre Hand. Münzen fielen auf den Boden. Der Krämer kam hinzu und zog ihr die Kappe vom Kopf.
„Du hast recht, das ist sie.“ Er packte sie an den Armen und schüttelte sie. „Sag schon, wen hast du bestohlen?“
Adonia riss sich los und floh aus der Backstube. Sie hörte Schritte hinter sich und versteckte sich rasch hinter einem offenen Tor. Die beiden Männer kamen schnaufend davor zum Stehen. „Ich weiß, wo sie haust. Du und ich, wir statten ihr heute Nacht einen Besuch ab und machen ihr ein für alle Mal klar, dass sie sich im Dorf nicht mehr blicken lassen soll.“ Das war die Stimme des Krämers gewesen. Sie lugte um die Ecke. Der Bäcker nickte und schlug in die ausgestreckte Hand ein. „Abgemacht, heute Nacht.“
Adonia lehnte sich gegen die Wand. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie gegen die altbekannte Angst ankämpfte. Tränen flossen ihre Wangen hinunter. Womit hatte sie diesen Hass verdient? Sie wollte doch nur leben.

Angst und Zweifel

 

Zurück in der Hexenhütte schleuderte Adonia ihre Tasche von sich und hockte sich verzweifelt in eine Ecke. Was nützte ihr das Geld, wenn sie es nicht ausgeben konnte, ohne angegriffen zu werden? Sollte sie sich wirklich für den Rest ihres Lebens zurückziehen, nie wieder einem anderen Menschen begegnen? Nur weil diese unbarmherzigen Leute ihr nicht einmal ein Stück Brot gönnten? Sie spürte die vertraute Wut in sich hochsteigen. Diesmal würde sie sich das nicht gefallen lassen. Sie konnte vielleicht noch nicht zaubern, aber sie war stark, viel stärker als ein normaler Mann.
Die Sonne würde bald untergehen. Sie würde bei ihrem alten Unterschlupf warten und wenn die beiden wirklich kamen ... Ja, was würde sie dann mit ihnen machen? Die beiden wollten nicht nur mit ihr reden. Prügel war das Geringste, das sie fürchten musste. Wollten die zwei sie gar umbringen, damit sie endlich verschwand?
Ihr Blick wanderte zur Truhe. Wenn die beiden nun wirklich kamen, hatten sie dann nicht das Gleiche verdient? Niemand würde sie finden, wenn der Stein sie aufgelöst hatte. Ihr Herz klopfte so stark, dass ihr ganzer Körper bebte. Wenn sie das tat, gab es kein Zurück mehr.
Sie ballte die Hände zu Fäusten. Ihr ganzes Leben lang war sie auf der Flucht vor anderen gewesen. War nie in Sicherheit gewesen. Ihr Unterschlupf war das einzige, das sie ihr gelassen hatten, auch wenn sie immer befürchtet hatte, dass man sie eines Nachts von dort verjagen würde. Doch es war nie geschehen und sie konnte kaum glauben, dass die beiden es tatsächlich tun würden.
Sie ging zur Truhe, klappte den Deckel hoch und sprach zum Stein: „Heute entscheidet es sich, es liegt an ihnen. Lassen sie mir meinen Unterschlupf, dann gehen wir fort. Ich nehme dich, das Buch und das Geld und wir fangen neu an, wo uns niemand kennt. Sollten sie aber heute Nacht in meinen Unterschlupf kommen, dann gehören sie dir. Das bedeutet Krieg.“ Sie klappte den Deckel zu. Sie war ganz ruhig geworden. So würde sie es machen. Sie würde mit dem Stein zum Unterschlupf gehen und dort warten. Und morgen, wenn niemand gekommen war und sie über ihre Angst lachen konnte, würde sie ihre Sachen packen und fortgehen, über den Fluss nach Teramo, irgendwohin, wo sie niemand kannte.

Zu viel ist zu viel

 

Vorsichtig wickelte Adonia den Stein in ein Tuch und steckte ihn dann in eine Umhängetasche. Ihr Magen grummelte, denn sie hatte vor Aufregung nichts essen können. In Gedanken war sie hin- und hergerissen. Einerseits hoffte sie, dass sie vergeblich vor dem Unterschlupf warten würde, dass es wie immer nur eine leere Drohung gewesen war. Ihre Mutter hatte sie stets vor anderen Menschen gewarnt, doch Adonia hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie unrecht hatte. Allerdings war der Gedanke, den beiden Männern die jahrelange Prügel und Vertreibung heimzuzahlen, sehr verlockend. Was für dumme Gesichter sie machen würden, wenn sie merkten, dass sie Adonia nicht mehr so einfach herumschubsen konnten.
Ihr Blick fiel auf den Gehstock der toten Hexe. Sie nahm ihn. Der schwere Knauf lag gut in ihrer Hand. Sie machte sich auf den Weg, als die Dämmerung einsetzte. Es war nicht weit. Sie versteckte sich in den Büschen dicht bei der Ruine und wartete. Sie hörte Tiere im Unterholz rascheln, die Schreie einer Eule. Sie entspannte sich langsam, als der Mond höher stieg. Wie es wohl in Teramo sein würde? Sollte sie dortbleiben oder gleich weiter nach Süden gehen? Vielleicht ans Meer, von dem Aaron Darende erzählt hatte.
Sie hörte knackende Zweige und schwere Schritte. Adonia spannte sich an. Waren es der Bäcker und der Krämer oder nur ein paar Wilderer, die im Schutz der Dunkelheit nach ihren Fallen sahen?
„Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?“
„Ja, ich habe die Mutter vor vielen Jahren bis hierher verfolgt. Wir sind gleich da.“
Adonia erkannte die Stimmen. Es waren der Bäcker und der Krämer. Sie waren wirklich gekommen. Sie wollten keine Gnade zeigen. Adonia erstarrte. Ihre Brust schnürte sich zu und für einige Augenblicke, glaubte sie zu ersticken. Sie rang nach Luft und sackte kraftlos zusammen, als sie begriff, dass sie vergeblich gehofft hatte. Warum konnten die zwei sie nicht einfach in Ruhe lassen? Sie hatten doch alles, ein Haus, eine Familie und Freunde, eine Zukunft. Warum mussten sie ihr das Wenige, das sie hatte, nun noch wegnehmen? Tränen schossen in ihre Augen und sie drückte sich eine Hand fest auf den Mund, um ihr Schluchzen zu ersticken. Ihre Gefühle waren so in Aufruhr, dass sie es kaum ertragen konnte. Enttäuschung vermischte sich mit Wut. Diese Leute hatten kein Recht dazu, sie zu quälen.
Sie sah zu, wie die Männer den Vorhang zur Seite schoben und den Unterschlupf betraten. Sie kroch aus dem Gebüsch und stellte sich neben den Eingang.
„Sie ist nicht hier!“
„Dann warten wir, bis sie kommt.“
„Was hast du vor?“ Der Bäcker klang unsicher.
„Dafür sorgen, dass sie nie wieder ins Dorf kommt.“
Adonia spürte, wie sie innerlich gefror. Alle ihre Gefühle starben. Sie hatte richtig vermutet. Sie wollten sie umbringen, sie einfach beseitigen wie lästigen Ballast. Ihre Mutter hatte mit ihren Warnungen immer recht gehabt. Sie konnte niemandem trauen. Sie wollten ihr nur Leid antun. Wenn sie überleben wollte, musste sie zuerst handeln.
„Du meinst, du willst sie umbringen?“ Sie hörte das aufgeregte Schnaufen des Bäckers.
„Was hast du denn gedacht? Warum guckst du jetzt so? Sie ist nur eine Bettlerin. Wer weiß, was die für Krankheiten mit sich rumschleppt, wenn sie ins Dorf kommt. Willst du dir was von ihr einfangen?“ Adonia presste vor Wut die Lippen zusammen. Sie war nicht krank! Zumindest nicht mehr als er. Ihr Zorn verdrängte den letzten Zweifel. Sie packte den Gehstock fester. Diese Männer hatten eine Strafe verdient.
„Ich gehe jetzt!“
„Ja, hau nur ab, Feigling. Ich hatte geglaubt, du hast mehr Mumm in den Knochen.“
Adonia hob den Stock, doch der Bäcker eilte an ihr vorbei, ohne sich umzusehen.
„Feigling!“ rief ihm der Krämer laut nach. Adonia sah ihm hinterher. Um den Bäcker würde sie sich später kümmern.

Gerechte Strafe

 

Rascheln und Poltern drang aus dem Unterschlupf. Adonia spähte um die Ecke und sah, wie der Krämer ihr Graslager zerstampfte und im ganzen Raum verteilte. Er zerriss die Decke und Lumpen, die sie als Kleidung nutzte. Er holte einen Feuerstein raus, wohl in der Absicht, das Ganze anzuzünden, überlegte es sich aber. Adonia zuckte zurück, als er sich umwandte und zum Eingang kam. Sie hob den Gehstock. Ihn würde sie nicht gehen lassen. Der Krämer riss den Vorhang von der Öffnung, trampelte einige Momente darauf herum und trat dann aus dem Unterschlupf. Hart traf ihn der Knauf des Gehstockes auf die Stirn. Er verdrehte die Augen, taumelte gegen die Wand und rutschte dann zu Boden. Genugtuung machte sich in Adonia breit, als sie ihn so hilflos vor sich liegen sah. Er würde ihr nie wieder wehtun. Adonia kniete sich neben ihn und hielt eine Hand vor seinen Mund. Er atmete noch. Für einen Moment hatte sie gedacht, dass sie zu hart zugeschlagen hatte.
Sie wickelte den Stein aus, legte ihn neben den Krämer, trat einen Schritt zurück und sah zu, wie der Stein sein Werk verrichtete. Diesmal machte es ihr nichts aus. Er hatte es verdient.
Eine leise Stimme in ihr flüsterte, dass sie immer noch weggehen konnte, dass sie sich nun gerächt hatte und alles hinter sich lassen sollte. Doch sie brachte diese Stimme zum Schweigen. Es würde sich nichts ändern. Wohin sie auch gehen würde, sie bliebe eine Fremde. Und das Fremde würde immer gefürchtet und verfolgt werden. Sie hatten ihre Chance gehabt und sie hatten gezeigt, dass sie schlechte Menschen waren, dass sie keine Gnade verdient hatten.
Adonia packte den Stein ein. Die Dorfbewohner würden bald nach dem Krämer suchen. Sie musste ihr Haus sichern. Sie konnte ihre Hexenhütte noch nicht mit dem Wirklichkeitszauber vor den Blicken Fremder verbergen. Doch die Hexe hatte eine Kräutermischung in einem der Töpfe aufbewahrt, die zumindest Hunde abwehren würde. Sie hatte daran geschnuppert und bei dem beißenden Geruch den Topf schnell wieder verschlossen.
Sie würde sich vorbereiten, sich gut verstecken und ihre Rache planen. Als Erstes würde sie sich den Bäcker holen. Und warum sollte sie nach ihm halt machen? Was war mit all jenen, die ihr nicht beigestanden hatten? Die zugesehen hatten, wenn sie misshandelt wurde, oder sogar noch Beifall geklatscht und die Schläger angefeuert hatten. Sie würde sich an jedem von ihnen rächen. Ihnen das Leben zu nehmen, war zu einfach. Sie sollten Hunger leiden und im Winter frieren. Sie würde ihnen das antun, was sie ihr angetan hatten.
Sie ging zurück in ihre Hütte, die nun ihr Zuhause war. Noch in der Nacht bestäubte sie den Boden und die Büsche in einem weiten Umkreis mit der abwehrenden Kräutermischung. Sie würden sie nicht finden und sie konnte in Ruhe planen, wie sie vorgehen würde.

Schwacher Abwehrzauber

 

Am nächsten Morgen erwachte Adonia aus einem unruhigen Schlaf. Sie hatte lange keine Ruhe gefunden und ihre Träume waren von Händen, die nach ihr griffen und schlugen, durchzogen gewesen. Sie hatte nicht weglaufen können, denn ihre Füße waren mit dem Boden verwachsen gewesen. Ihr Herz pochte noch wild, bei der Erinnerung an die Hilflosigkeit und Verzweiflung, die sie gespürt hatte. Sie atmete tief durch. Sie war in Sicherheit. Niemand würde ihr mehr etwas antun.
Die Farbe des Lichts, das durch das Fenster drang, sagte ihr, dass es noch früher Morgen war. Sie war erst vor wenigen Stunden eingeschlafen. Sie schwang die Beine aus dem Bett. Sie würde jetzt keine Ruhe mehr finden und hatte außerdem viel zu tun. Die Kräutermischung, die sie in der Nacht um ihr Haus verteilt hatte, war fast aufgebraucht und sie musste frische Zutaten sammeln. Es hingen noch einige getrocknete Kräuter an der Decke, aber die würden nicht lange reichen.
Rasch zog sie sich an. Hunger hatte sie nicht, aber sie schaute in die Truhe und frischte ihre Kräfte auf. Sie nahm sich ein Bündel der Abwehrkräuter, damit sie diese besser erkennen konnte. Sie packte es zusammen mit dem Kräuterbuch mit den Zeichnungen und den Hinweisen, wo die Kräuter zu finden waren, in einen Korb und machte sich auf den Weg.
Sie musste nicht lange suchen, die Hexe hatte den Ort, um ihre Hütte zu bauen, gut gewählt. Langsam füllte sich ihr Korb, die Sonne stieg und Adonia wurde warm. Zufrieden begutachtete sie ihre Beute. Noch zwei Kräuter fehlten, dann hatte sie alles, was sie brauchte.
Sie zuckte zusammen, als sie Hundegebell hörte, es war ganz nah. Ihr Herz schlug schneller. Sie waren direkt an der von ihr erzeugten Grenze. Oder hatten sie diese schon überschritten?
Sie eilte zu der Linie, die sie mit den gemahlenen Kräutern gezogen hatte. Ein Hund stand direkt davor und schnüffelte. Adonias Atem beschleunigte sich. Panik kroch in ihr hoch. Wirkte das Abwehrmittel nicht? Ihr hatten doch die Augen getränt, als sie daran gerochen hatte. Wieso machten sie dem Hund nichts aus? Der schnüffelte unbeirrt weiter und kam langsam näher.

Erste Lektion und erster Zauber

 

Adonia überlegte fieberhaft. War die Mischung vielleicht schon zu alt gewesen? Sie breitete ihr Schultertuch aus und schlug das Kräuterbuch auf. Die Hexe hatte sich den Spruch hier notiert. Adonia konzentrierte sich, nahm das Kräuterbündel und legte die Kräuter einzeln nebeneinander. Sie musste sie in einer bestimmten Reihenfolge zerreiben und dabei immer wieder die Worte. ‚Bis hier und nicht weiter‘ sprechen. Es kam ihr albern vor, aber sie musste dem Zauber vertrauen.
Sie nahm die erste getrocknete Pflanze in die Hand und fing an zu reiben. Während sie dazu die Worte sprach, stellte sie sich vor, wie sich der Hund jaulend zurückzog. Ihre Hände wurden erst warm, dann heiß. Sie fühlte, wie etwas mit ihr passierte, wie etwas aus ihr in die zerkrümelten Kräuter floss.
Ermutigt arbeitete sie weiter. Nach kurzer Zeit hatte sie die Mischung fertig. Ihr tränten schon die Augen, ohne dass sie daran riechen musste. Vorsichtig füllte sie die Mischung in eines der Ledersäckchen, die sie für lose Blätter mitgenommen hatte. Sie näherte sich leise dem Hund, der bellend auf seinen Herren wartete. Sie hörte Stimmen, die sich näher kamen. Sie durfte keine Zeit verlieren. Sie nahm etwas von den Kräutern und warf sie vor dem Hund in die Luft. Der jaulte überrascht auf, nieste, zog den Schwanz ein und wich zurück. Vorsichtig senkte er die Nase zum Boden, kam wieder näher, blieb aber nach zwei Schritten wie angewurzelt stehen, winselte, drehte sich um und lief bellend zurück in den Wald.
Adonia kam ein Gedanke. Entwickelten die Kräuter, Pulver und Tränke nur dann ihr volles Potential, wenn sie diese selbst hergestellt hatte? War durch den Tod der Hexe die Magie daraus verschwunden? Sie fühlte eine befriedigende Bestätigung bei dieser Erkenntnis. Einen Moment stand sie ruhig da, doch ihre Gedanken rasten. Sie hatte viel mehr zu tun als gedacht, wenn sie alles neu herstellen und ganz von vorne anfangen musste. Rasch verstreute sie die Kräuter, soweit sie reichten, und eilte zurück zur Hütte.

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© Sabine Kalkowski